Sonntag, 19. November 2017

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Radmacher mit Herzblut


Nach einem Unfall konnte Gerhard Vogel seine Tätigkeit als Wagner nicht mehr ausüben. Die Leidenschaft zu den Holzprodukten aber ist geblieben. Mit Stolz erzählt er von seinem Beruf, den es nur noch vereinzelt gibt. 

BILDER
Gerhard Vogel hat die Wagnerei, welche sein Grossvater in Kölliken aufgebaut hat, weitergeführt. (Foto: Katrin Freiburghaus)

«Vor über 100 Jahren hat mein Grossvater in dieser Werkstatt als Wagner begonnen», sagt Gerhard Vogel und zeigt auf das Gebäude neben seinem Wohnhaus in Kölliken. Die beiden hölzernen Wagenräder an der Fassade sind nicht nur Dekoration, sondern Zeugen davon, was hier während vielen Jahre in aufwendiger Handarbeit entstanden ist. Bandsäge, Drechselbank und Hobelmaschine stehen in der Werkstatt, als wären sie eben erst das letzte Mal in Betrieb gewesen. «Heute ist das nur noch meine private Reparaturwerkstatt», sagt Vogel, der beim Betreten des Raums in eine Lebensgeschichte eintaucht, die alles andere als 08/15 ist.
Gerhard Vogel wächst in Kölliken zusammen mit sechs Schwestern und einem Bruder auf, die Eltern führen eine Bäckerei. Seine Mutter ist schwer krank, deshalb verbringt er seine Kindheit vorwiegend bei den Grosseltern auf dem Bauernhof und in der als zweites Standbein geführten Wagnerei. «Ich wäre liebend gerne Schreiner geworden, wenn ich nicht wegen der verwandtschaftlichen Verhältnisse hätte Wagner lernen müssen. Aber heute würde ich es nicht mehr anders machen», sagt der 85-Jährige rückblickend. Nach einem Haushaltsjahr in der elterlichen Kaffestube absolviert Gerhard Vogel 1948 bei seinem Onkel, der den Betrieb des Grossvaters weiterführte, die 3,5-jährige Lehre zum Wagner. Danach zieht es ihn nach Wil, St. Gallen. Von dort kehrt er jedes Wochenende mit dem Velo nach Kölliken zurück, benötigt pro Weg vier Stunden. Mit 25 absolviert er im bernischen Bätterkinden ein Vorkurs zur Meisterprüfung, die er im Anschluss mit Erfolg besteht und übernimmt später die Wagnerei in Kölliken.
So stellt der Kölliker aus Holz – vor allem für die Landwirtschaft – Räder für Kutschen und Wagen, Schlitten, Deichseln, Unter- und Aufbauten für Brücken- und Bockwagen, Güllenfässer oder Schubkarren her. Für den privaten Gebrauch sind es mehrheitlich Skis und Leitern. Der Wagner habe wegen der eisernen Beschläge stets mit einem Schmid zusammengearbeitet. «Wir waren verantwortlich für den Transport von Mensch und Waren. Doch mit dem Aufkommen der Autos und durch die Mechanisierung der Landwirtschaft hat unser Beruf je länger je mehr an Bedeutung verloren.» Auch aus wirtschaftlicher Sicht habe es sich nicht mehr gelohnt. «Ein Rad aus Holz herzustellen, war ein Tageswerk und hat zwischen 300 und 400 Franken gekostet.» Eine reine Wagnerlehre, wie sie Gerhard Vogel einst absolviert hat, gibt es heute nicht mehr. Wer sich zum Schreiner ausbilden lässt, kann sich jedoch für die Fachrichtung Wagner entscheiden.


Vom Radmacher zum «Mister Velo»
Seinen Beruf übt Gerhard Vogel stets mit viel Leidenschaft aus, bis im Alter von 51 Jahren das Schicksal zuschlägt. Der heute vierfache Vater und fünffache Grossvater verliert beim Betätigen einer Kreissäge seine Hand. «Ich erinnere mich noch gut daran. Mit dem Hemd bin ich hängen geblieben. Dann war es passiert.» Zwei Mal muss er operiert werden. «Der Arzt hat mich bald darüber informiert, dass dieser schwere Unfall mit einem Berufswechsel verbunden ist. Das war hart.» Doch das Leben habe weitergehen müssen.
Während ein ehemaliger Lehrling von ihm die Wagnerei weiterführt, verschlägt es Gerhard Vogel nach einem Abstecher bei einer Versicherung in die Migros in Buchs. Erneut bleibt er dem Rad treu, ist für die Veloabteilung zuständig. «Sie haben immer vom Phänomen Vogel gesprochen und mich ‹Mister Velo› genannt, weil ich den Umsatz von einem aufs andere Jahr verdoppelt habe», sagt Vogel, der sich auch als Gemeinderat, Gemeindeammann und Grossrat in der Politik engagierte. Eines ist für den Rentner sicher. «Die Tätigkeit in der Migros hat mich ebenso erfüllt, wie mein Alltag als Wagner, beides war einfach schön.» 

Kommentare zu diesem Artikel (2)

Paul Ae., 04.09.2017, 23:19 Uhr

"verliert ... seine Hand" ist unvollständig. Dank ein paar nicht durchtrennten Sehnen konnte die Hand chirurgisch gerettet werden, bei bleibender Behinderung.


Walter Roth, 01.09.2017, 09:45 Uhr

"...verliert beim Betätigen der Kreissäge seine Hand.."
1. "seine Hand".. er hat zwei Hände!
2." verlor "seine Hand..auf dem Bild hat er immer noch beide. Ziemlich irreführender Text!


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